Lesung in der Galerie Art&Antik bei Sarah Haberkern:

Hier ist der vollständige Text zum Nachlesen:

Peinlichkeiten über Mam (Fragment)

1

Meine Mam und ich sind gerade umgezogen und jetzt stehen wir bei Obi mit zwei Fußabstreifern und einer Badzimmermatte bewaffnet an der Kasse. Der Blick von Mam fällt auf das Regal mit Trinkflaschen, die dort so aufgestellt sind, dass obi wan kenobi hofft, man nimmt sie im Vorbeigehen noch so mit. Plötzlich verzieht sich die Mimik von Mam zu einem breiten Grinsen und ihre Hand greift ins Regal. Nein, sie nimmt nicht die olivgrüne schicke Metallflasche, sondern die Plastikflasche mit dem rosafarbenen Prinzessinnenaufdruck und hebt sie vor meine Augen:

Oli, das wär doch was fürs Wochenende, wenn du ein Fußballspiel hast. Was würden deine Kameraden Bauklötze staunen, wenn du während des Spiels diese geniale Flasche hättest!“

Mam bricht bei ihren eigenen Worten in Lachen aus. Ich dreh mich um und denke: Kenn ich die Frau? Meingott ist die wieder peinlich, meine Mam! Noch mit abgewandtem Gesicht sage ich zu ihr:

Mam, lass das! Du nervst!“

Sie stellt die Flasche zurück ins Regal und nimmt die nächste heraus:

Oh, mit Totenkopfdesign. Eine echte Jungsflasche! Wäre St. Pauli-reif!“

Mam, jetzt reichts! Ich bin beim VfB!“

Ich schaue in ihr Gesicht. Sie lacht Tränen. Manchmal frage ich mich, wer hier der Teenie ist: Ich oder sie?

2

Also, ich bin im G8-Zug in der Elften. Das hört sich an wie die Erfindung einer neuen Selbstmordbombe der al-Qaida, find ich. Neben der Schule bin ich Torwart beim VfB in Stuttgart in der A-Jugend. Über meinen Fußball lass ich nix kommen.

Mein schwuler Friseur sagt, ich sehe durch das Training aus, als ob ich eine lebende Bombe wäre. Er hätte gerne meinen nackten Body ohne Kopf auf eine Leinwand gebannt. Ich habs abgelehnt, dass meine Mutter mich malt. Das macht die auch noch. Malen!

Neulich habe ich den Führerschein gemacht. Jetzt sitzt meine Mam immer neben mir in ihrem knallroten Fiat 500 und raucht zum Fenster raus. Sie bekringelt sich ständig vor Lachen, wenn sie an folgendes denkt, was mein Fahrlehrer mal zu mir gesagt hat:

Die 50 km/h wollen wir aber schon fahren!“

Ich habs jetzt aber schon voll drauf, denn jetzt trete ich voll aufs Gas, wenn’s nicht gerade eine 30er-Zone ist.

 

Hier ist der vollständige Text zum Nachlesen:

Kristalle

Es war einer dieser Tage, an dem ich nichts mit mir anzufangen wusste. Ich malte, aß, trank Kaffe oder machte etwas Sport,…. aber sonst gab es da nichts. Nachdem ich dann abends nach diesem langweiligen Tag die Tagesschau angesehen hatte und sich wieder ein IS-Terrorist in die Luft gesprengt hatte, splitterte plötzlich mein Hirn in winzige Kristalle.

Ich stand in der Küche und wollte das Geschirr in die Spülmaschine räumen. Der Klang von zersplittertem Glas. Aber ich hatte kein Glas zertrümmert. Mein Hirn war zersprungen. Ich hielt mir den Kopf, um die Eruption einzudämmen. Nichts. Die Splitter drängten vulkanartig nach oben.

Um mein Hirn aufzufangen, hielt ich einen großen Topf, den ich gerade aus der Spülmaschine geholt hatte, unter die Eruption. Tatsächlich fielen alle Teile meines Hirns in diesen Topf. Eine Stunde später hörten die Eruptionen langsam auf und ich stellte den Topf auf den Herd.

Dann ging ich ins Bad und begutachtete meinen Kopf. Tatsächlich gab es da eine Stelle, wo die Eruption stattgefunden hatte. An der Narbe, die ich vor dreißig Jahren bei einem Autounfall bekommen hatte. Die Stelle war jetzt eindeutig rot und eitrig verfärbt. Aber wie konnte das sein? Die Narbe war eigentlich fast verschwunden. Warum schlug sie jetzt wieder aus?

Ich ging zurück in die Küche und begutachtete mein Hirn in dem Topf. Eine gallertartige zähe Flüssigkeit waberte da vor sich hin. Wie konnte es sein, dass durch einen normalen IS-Bericht im Fernsehen mein Hirn eruptiert hatte. Ich verstand nichts mehr.

Ich stellte die Kochplatte auf volle Stärke an, gab etwas Fleischwürfel dazu und kochte mein Hirn für 30 Minuten. Als die Hirnsuppe fertig war,

setzte ich mich und löffelte die Suppe noch mal 30 Minuten lang in mich hinein. Was würde morgen sein? Ich war müde geworden und legte mich ins Bett.

Am nächsten Morgen war ein lauter Krach an der Tür. Ich war noch nicht ganz wach und das mit der Hirnsuppe war ganz weit entfernt.

Also, ich wankte an die Tür und öffnete. Es war der Nachbar mit einem Päckchen, das für mich abgegeben worden war. Aber auf dem Paket war das Symbol der IS-Flagge. راية العُقَاب

Geistesgewärtig wie ich war, nahm ich das Päckchen auf und rannte damit durch mein ganzes Stadtviertel. Mir war klar, dass meine Narbe am Kopf eine Riesenwunde war und jeder sehen konnte, wie das Blut und der ganze Eiter aus meinem Hirn herausfloss.